
Über das Projekt
Das transdisziplinäre Forschungsprojekt Akzeptanz und Vielfalt in Fulda und Region der Hochschule Fulda fokussiert die nach wie vor bestehenden Unterschiede in der Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in ländlich geprägten Regionen Osthessens. Gerade in ländlichen Räumen ist ein offenes und diskriminierungsfreies Leben für LSBT*IQ-Personen häufig erschwert und unsichtbar. Seit dem Projektstart Ende 2019 hat sich in Fulda jedoch nun eine sehr aktive queere Community etabliert. Das Projekt hat dies mit einer Dokumentation des Zeitverlaufs sichtbar gemacht.
Auch die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Diversität in ländlichen Räumen, insbesondere mit queeren Biographien und Lebensverhältnissen in ‚der Provinz‘, jenseits von Großstädten, befinden sich noch in den Anfängen.
Das transdisziplinäre und partizipative Forschungsprojekt Akzeptanz und Vielfalt in Fulda und Region ist Teil des landesweiten Aktionsplans für „Akzeptanz und Vielfalt“ der Hessischen Landesregierung und wird vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Hessen als einziges wissenschaftliches Forschungsprojekt gefördert, in dem auch eine Promotionsstelle eingerichtet werden konnte. Das transdisziplinäre und partizipative Forschungsprojekt Akzeptanz und Vielfalt in Fulda und Region wurde initiiert und wird an der Hochschule Fulda durch die Gender- und Diversitätsforscherin Prof.*in Dr.*in Carola Bauschke-Urban (Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften) geleitet. Es verbindet wissenschaftliche Forschung mit kulturellen Veranstaltungsformaten und gezielter Vernetzung, schafft Räume für Sichtbarkeit, Austausch und Empowerment und trägt damit zur Stärkung demokratischer Kultur in Osthessen bei.
Schwerpunkte
Die Schwerpunkte des Projekts liegen in der Forschung über queere Biographien in ländlichen Räumen und auf der partizipativen Forschungsperspektive die Verqueerung ländlich geprägter Regionen in den Blick nimmt und über queere Biographien außerhalb urbaner Räume forscht.
Zum partizipativen Projektdesign gehörte auch das Photovoice-Ausstellungsprojekt „Queere Worte – Queere Orte“, das queere Lebenswelten durch visuelle und narrative Methoden erfahrbar macht.
Darüber hinaus ist das Projekt eine entscheidende Akteur*in bei der Gründung des Vereins „foll bunt e.V.“ in Fulda. Mit diesem Engagement trägt es zur Demokratieförderung, zur Diversität und zur Verqueerung ländlich geprägter Regionen bei, indem es queere Sichtbarkeit stärkt, gesellschaftliche Teilhabe marginalisierter Gruppen ermöglicht und neue Formen des zivilgesellschaftlichen Zusammenhalts in ländlich geprägten Räumen unter partizipativer Mitwirkung der lokalen queeren Community initiiert.
10 Gründe, um über das Thema Akzeptanz und Vielfalt zu reden
Forschungen erkennen „eine deutliche Wanderbewegung“ von LSBT*QI Personen in Großstädte (vgl. Krell/Oldemeier 2016: 48). Es gibt unterschiedliche Hypothesen, die sich mit den Gründen befassen, insgesamt besteht hier jedoch noch eine Forschungslücke, die das Forschungs- und Entwicklungsprojekt ‚Akzeptanz und Vielfalt in Fulda und Region‘ schließen möchte. Um der Abwanderung von LSBT*QI Personen entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und ein offenes, diskriminierungsfreies Zusammenleben, unabhängig von der sexuellen oder geschlechtlichen Identität, zu fördern (vgl. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 2019: 12). Es ist daher Ziel des Projekts ‚Akzeptanz und Vielfalt in Fulda und Region‘, für das Thema sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zu sensibilisieren. Das Projekt bietet neben kulturellen und wissenschaftlichen Veranstaltungen auch Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung.
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Homo- und Transphobie bezeichnet die Angst vor bzw. eine Abneigung gegen Homosexualität und/oder Transidentität (vgl. z.B. Wiesendanger 2002). Folge von Homophobie sind nicht selten homo- und transfeindliche Gewalt. Das Bundeskriminalamt verzeichnete in den 2010er Jahren eine Zunahme homo- und transphober Gewalt. In der ersten Hälfte des Jahres 2019 erfasste das Bundeskriminalamt mehr homo- oder transphob motivierte Gewalttaten als im Jahr 2013 insgesamt (Zeit Online; dpa; lu: 2019).
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Homo- und transfeindliche Gewalt meint Gewaltakte gegenüber homo- oder transsexuellen Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder ihrer geschlechtlichen Uneindeutigkeit. Gewaltakte psychischer aber auch physischer Art beeinträchtigen das Leben und die Lebensqualität von lesbischen, schwulen, trans*, inter* und/oder queeren (LSBT*IQ) Menschen.
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Gerade physische Gewalt muss nicht immer laut sein. Auch verbale Diskriminierungen und Ausschluss können als Akte der Gewalt bezeichnet werden. Akte der Gewalt, die auf Homonegativität oder Homophobie beruhen und oft mit weitreichenden psychischen, psychosozialen aber auch physischen Folgeerscheinungen einhergehen. Mehr als jede*r Zweite hat bereits üble Nachrede erlebt und mehr als ein Drittel mussten Beschimpfungen in Öffentlichkeit und in der Schule hinnehmen (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration: 2019).
- Diskriminierungserfahrungen im Jugendalter
Allgemein wird von einem lesbisch-schwulen Anteil von 5-10% der Gesamtbevölkerung ausgegangen. Kinder und Jugendliche nehmen gleichgeschlechtliche Gefühle oder eine von den Normen abweichende geschlechtliche Identität schon im Kindesalter wahr (vgl. Kugler/Nordt 2015: 207). Doch spielt die Einstellung demgegenüber oft erst ab der Pubertät eine identitätsstiftende Rolle. Gerade im Jugendalter können sich Diskriminierungserfahrungen auf die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und damit auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 2019: 90). Negative Einstellung gegenüber queeren Lebensweisen ist gerade unter Jugendlichen verbreitet Der Begriff „schwul“ wird auf vielen Schulhöfen noch als Schimpfwort gebraucht (vgl. Klocke 2012). Insgesamt bleibt Homo- und Transphobie, gerade in der Jugendphase, für die Betroffenen mit negativen Auswirkungen folgenreich (vgl Kugler/Nordt: 2015: 209). - Diskriminierung in der Familie
LSBT*QI Personen erleben Diskriminierungs- und/oder Gewalterfahrungen nicht nur im öffentlichen Raum, sondern häufig auch innerhalb des eigenen Familienverbundes. Die Familie wirkt für die Betroffenen häufig nicht als Schutzraum und LSBT*QI Jugendliche erfahren gerade hier durch Familienmitglieder Ausgrenzung und Gewalt. - Diskriminierung von Regenbogenfamilien
Diskriminierungsdruck entsteht aber nicht nur für LSBT*IQ Personen selbst, sondern auch für die Angehörigen. Dies sind beispielsweise Kinder, die in Regenbogenfamilien aufwachsen. Kinder aus solchen Familienkonstellationen machen oft die Erfahrung, dass die Familie als „nicht normal“ abgewertet wird und leiden in Folge dessen unter Diskriminierungsdruck (vgl. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 2019: 13). - Diskriminierung am Arbeitsplatz
Genau wie in der Schule besteht auch am Arbeitsplatz die Gefahr, Opfer von offenem oder verdecktem diskriminierenden Verhalten zu werden. Insgesamt wirkt sich Diskriminierung nicht nur in negativer Weise auf die Betroffenen selbst aus, sondern Diskriminierung belastet auch das Betriebsklima und die Unternehmensergebnisse (vgl. 3 Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 2019: 29) – ein Grund mehr, für Akzeptanz und Vielfalt zu sensibilisieren.
- Diskriminierungserfahrungen im Jugendalter
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Ein US-amerikanischer Report bestimmt Jugendobdachlosigkeit als ein Problem, von dem LSBT*QI Jugendliche besonders häufig betroffen sind. Einer US amerikanischen Studie zu Folge identifizieren sich etwa 35% der ca. 1.200 obdachlosen Jugendlichen, im US Bundesstaat Illinois, als schwul, lesbisch, bisexuell oder Transgender (vgl. Ray: 2006). Insbesondere Trans*personen erleben häufig erschwerten Zugang zu Hilfeeinrichtungen. Sie sind auch in besonderem Maße Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt, besagt eine aktuelle Studie aus Hessen (Ohms 2019: 97f.).
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Die Suizidrate ist bei LSBT*QI Jugendlichen deutlich erhöht. Dies zeigen unterschiedliche Studien: Laut einer Studie aus dem Jahr 2001 hatten 44,9% der befragten schwulen Jugendlichen Suizid bereits in Erwägung gezogen und 19,2% zumindest schon einmal daran gedacht. Tatsächliche Suizidversuche hinter sich hatten 8,7% der Befragten (vgl. Biechele et. Al 2001). Eine Berliner Studie bescheinigt lesbischen, schwulen oder bisexuellen Jugendlichen ein vier Mal höheres Suizidrisiko als heterosexuellen Gleichaltrigen (vgl. Schupp 1999). In Österreich wurde sogar eine sechsfach höhere Suizidversuchsrate ermittelt (vgl. Faistauer/ Plöderl 2006). Eine französische Studie, die Trans*Personen im Alter von 16 bis 26 Jahren in den Blick genommen hatte, gibt an, dass 69% der Befragten schon einmal über Suizid nachgedacht haben und diese Suizidgedanken mit ihrer Transidentität in Zusammenhang bringen. 34% hatten bereits einen oder sogar mehrere Suizidversuche hinter sich und taten dies zumeist zwischen dem 12 und 17 Lebensjahr (vgl. Homosexualités & Socialisme [HES] and the Movement of Affirmation for Young Gays, Lesbians, Bi and Trans (MAG-LGBT Youth) 2009).
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Homonegativität und damit verbundene negative und abwertende Einstellungen wirken sich oft auch bei LSBT*IQ Personen selbst, als verinnerlichte negative Haltung aus, die gegenüber ihrer eigenen sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität entsteht. Dies geht häufig mit Belastungsfaktoren einher, welche die Gesundheit in akuter Art und Weise schädigen können. Auch agieren die Einrichtungen des Gesundheitssystems nicht immer so, dass sie als vorurteilsfreie Räume wirken. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass LSBT*IQ Personen, die sich in ambulanter oder stationärer Behandlung befinden, gesundheitlich relevante Aspekte aus Angst vor Ablehnung und Zurückweisung nicht zur Sprache bringen (vgl. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 2019: 19).
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Häufig haben Ausgrenzungserfahrungen schon in der Jugend dazu beigetragen, dass ältere und hochbetagte LSBT*IQ Personen soziale Isolation erleben und erdulden (vgl. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 2019: 20).
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Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, dass ihr Geburtsgeschlecht und ihre geschlechtliche Identität übereinstimmen. Trans*Personen erfahren in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens, zum Teil bereits im Kindesalter, dass dies für sie nicht zutrifft. Sie können sich entweder keinem Geschlecht eindeutig zuordnen oder ihr Identitätsgeschlecht entspricht nicht dem Geburtsgeschlecht. Gerade sie werden aufgrund ihrer geschlechtlichen Uneindeutigkeit besonders häufig Ziel von Aggressionen. Inter*Personen passen aufgrund körperlicher und/oder genetischer Merkmale von Geburt an nicht in das zweigeschlechtliche Mann/Frau Schema.
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Seit ungefähr den 1950er Jahren, werden in Deutschland geschlechtsangleichende Operationen an Inter*Personen durchgeführt. Diese verfolgen das Ziel, eine eindeutige Geschlechtsidentität zu befördern. Hierbei wird das anatomische Erscheinungsbild einem binären Geschlechtsideal angenähert. Dies passiert oft mit dramatischen Folgen für die Betroffenen wie: der Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit, Traumata, schwerwiegende Beeinträchtigungen des sexuellen Empfindungsvermögens, gravierende Nebenwirkungen dauerhafter Hormonbehandlung (z. B. Stimmungsschwankungen, Veränderung der Geschlechtsidentität, Osteo porose) bis hin zu dauerhafter Erwerbsunfähigkeit oder Schwerbehinderung.
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Auch heute noch gehören Menschenrechtsverletzungen aufgrund der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität vielerorts zur Tagesordnung. LSBT*IQ Personen erfahren teils (massive) Eingriffe in ihr Privatleben. In vielen Ländern kommt es zu willkürlichen Verhaftungen und zu Folter bis hin zur Todesstrafe (humanrights.ch: 2007). Sexualisierte Gewalt gegen LSBT*IQ Personen und tiefgreifende Diskriminierung in allen Lebensbereichen sind jedoch auch in Deutschland noch nicht vollständig verschwunden.
Was bedeutet LSBT*IQ?
Mit der Abkürzung LSBT*IQ sind lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* sowie queere Personen gemeint.
Lesben, Schwule, Bisexuelle
Homosexuelle Menschen, also Personen, die sich zu Menschen des gleichen Geschlechts hingezogen fühlen, bevorzugen oftmals die Selbstbezeichnungen schwul oder lesbisch. Wer sich sowohl zu Männern als auch zu Frauen hingezogen fühlt, versteht sich meist als bisexuell.
Trans* Menschen
Transsexuell, Transgender, Transident – Personen, deren bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht mit dem eigenen Erleben ihrer Geschlechtszugehörigkeit nicht vereinbar ist, nutzen für sich verschiedene Bezeichnungen. Der Begriff trans* lässt die genaue Zuschreibung offen.
Intersexuelle Menschen
Personen, die genetisch, anatomisch oder hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können, werden intersexuell genannt. Der dritte Personenstand „divers“ ist in Deutschland gleichberechtigt zu männlich und weiblich anerkannt.
Queer war ursprünglich ein Schimpfwort.
Mittlerweile wird der Begriff als positive Sammelbezeichnung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen benutzt. Zudem bezeichnen immer mehr Menschen ihre Lebensweise oder Identität als queer.
Projektteam & Kontakt

Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Prof. Dr. Carola Bauschke-Urban
sie/ihr
Projektleiterin
carola.bauschke-urban@sk.hs-fulda.de
Jana-Christina Zentgraf, M. A.
sie/ihr
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
jana-christina.zentgraf@sk.hs-fulda.de
Emily-Charlotte Rödel
sie/dey
Wissenschaftliche Hilfskraft

